Der neue Mitterer: Wenn ein Schriftsteller erst einmal einen Ruf erworben hat wie Felix Mitterer, dann meint jedermann über ihn Bescheid zu wissen. Doch dahinter steckt auch eine heimliche Gefahr. Sicher kennen viele seine älteren Texte: “Kein Platz für Idioten”, “Stigma”, “Sibirien” und mancher auch seine neueren: “Ein Jedermann” und “Abraham”, oder seine nicht minder erfolgreichen Fernsehspiele “Piefke-Saga” und “Verkaufte Heimat”. Ebenso ist aus seiner Biografie bekannt, dass er als armer Bergbauernbub aufgewachsen ist, dem nichts geschenkt wurde, der lange auf seinen künstlerischen Erfolg warten musste, und der sich außer als Schriftsteller auch auf beachtliche Weise als Schauspieler bewährte. So ist ihm mit der Zeit eine Unzahl von Etiketten angehaftet worden: “Anwalt der kleinen Leute”, “Experte für die leidende Kreatur”, “Sprachrohr der Entrechteten”...

Als ein Autor, der seine Stoffe nicht selten in den Lokalchroniken regionaler Zeitungen findet, wurde er auch schon als “Fabrikant rührseliger Kolportage” bezeichnet und geriet sogar in den Verdacht ein “dramatischer Simmel” zu sein. Als solcher war er auch immer für Schlagzeilen gut. Zwar wurde von der Kritik immer seine genaue Beobachtungsgabe und auch seine Einfühlsamkeit gewürdigt, die ihn befähigt, die Menschen unprätentiös aus ihrem Alltag heraus zu schildern. Doch hinter all diesen vielleicht sogar gut gemeinten Etiketten scheint sich die allgemeine Vorstellung zu verdichten, dass Mitterer eigentlich nur ein Thema beschreibe, nämlich die Situation von Außenseitern in einer intoleranten Gesellschaft. Damit wird man seiner Leistung aber nicht gerecht. Diesen Kritikern und Journalisten ist dabei ganz entgangen, welch ungeheure künstlerische Entwicklung er im Laufe seines schriftstellerischen Werdegangs durchgemacht hat, und manches Unverständnis, das ihm zuletzt entgegengebracht wurde, erklärt sich vielleicht nur daraus, dass der neue Mitterer längst nicht mehr in alte Schubladen passt. Zwar lässt sich wohl von seinem “Abraham” ohne weiteres eine Brücke zu “Kein Platz für Idioten” schlagen, denn Mitterer ist damit seinem ureigensten Anliegen, über Ungerechtigkeiten nicht hinweg zu sehen, treu geblieben. Doch die tragische Dimension seines dramatischen Werks zeigt sich hier auf eine Weise erweitert, dass hinter der realistisch geschilderten Alltagsproblematik immer wieder eine transzendentale Erkenntnis durchbricht, und der Sinn des Leidens nun mit unerbittlicher Konsequenz hinterfragt wird.

Die Schlüssel zu seinem Weltbild scheinen dabei “Ein Jedermann” und mehr noch “Krach im Hause Gott” zu liefern. Aus diesen Texten wird auch Mitterers künstlerische Wendung zu “Das Fest der Krokodile” deutlich, diesem packenden Drama über bzw. gegen den Krieg. Hier begegnet der Zuschauer zwar wieder all den Gestalten, die Mitterer oft geschildert hat, aber hier hat er auch den Realismus seiner Anfangszeit völlig überwunden und eine mahnende Parabel über menschliche Zerstörungswut der Welt ins Gesicht geschleudert, die in dieser Form ihresgleichen sucht. Diesen Mitterer gilt es nun neu zu entdecken.

Quelle: Österreichischer Bühnenverlag Kaiser & Co., Wien