Vor dem Hintergrund von Kriegen, Unterdrückung, Mord und Totschlag , Korruption, Hungersnot, Diskriminierung von Minderheiten, Erdbeben, Flutkatastrophen, Umweltzerstörung, etc. eröffnet sich die nach wie vor aktuelle Theodizee, also die seit Hiob, Epikur und Leibniz immer wieder gestellte Frage: Wie verträgt sich das Böse in der Welt mit der Allmacht und Allgüte Gottes?
     
   
     

Die Menschheit mordet, korrumpiert, zerstört, hat offensichtlich in den letzten 2000 Jahren nicht sehr viel dazugelernt. “Es reicht!” Ihre Vernichtung scheint für den alten und müden Gottvater unvermeidbar. In einem Konferenzraum der himmlischen Chefetage findet eine gesamtgöttliche Krisensitzung des Führungszirkels statt: Vater, Sohn und Geist sowie der gefallene Engel Satan - das Jüngste Gericht. Gottvater, introvertierter und grantelnder Vorstandsvorsitzender des Unternehmens ist enttäuscht und in seinem Stolz beleidigt: sein großes Experiment “Menschheit” scheint gescheitert. Selbst nicht bereit, sich von seinen zementierten Standpunkten zu entfernen, nicht bereit, dem menschlichen Treiben noch weiter zuzusehen, will er dem Ganzen ein Ende bereiten, allerdings nicht ohne eine ordentliche und gerechte Verhandlung. Der Sohn, Juniorchef, ein weichlicher Jüngling, auf Harmonie bedacht, verunsichert verständnisvoll - ein Idealist. Er schwelgt in Erinnerungen an sein Erdendasein, hat das Menschsein kennen- und liebengelernt und will sein Kreuzesopfer nicht als umsonst erlitten akzeptieren. In klerikal geschnittener Robe erscheint der Geist. Gänzlich ohne Profil und mit unendlicher Ignoranz gegenüber dem Menschsein stichelt er zwischen Rezitationsübungen gegen Satan und den Sohn. Keineswegs geistreich, meist ratlos und desinteressiert präsentiert er sich als anbiedernder gottergebener Ja-Sager. Satan betritt selbstbewusst und über jeden Zweifel erhaben als von Gott bestellter Pflichtverteidiger der Menschheit das Geschehen. Ein smarter und charismatischer Managertyp, stilvoll in einen modischen Designeranzug gekleidet, mit Handy und Aktenkoffer.

Das Jüngste Gericht wird eröffnet. Die Verhandlung entwickelt sich zunächst wie von Gott geplant. Der Geist unterstützt vehement die langersehnte Forderung nach Auslöschung der lästigen und vulgären Menschheit. Dagegen reagiert der Sohn fassungslos: “Soll mein Leidensweg etwa umsonst gewesen sein?” Weil seine Existenz mit der menschlichen untrennbar verbunden ist und somit ebenfalls, endgültig vernichtet würde, erklärt Satan sich zwangsläufig bereit, die Menschheit zu verteidigen.
Er reklamiert, ebenfalls Gottes Sohn zu sein, der gestürzt wurde, weil er die Macht im Himmel für sich beanspruchte: “Ich war auch dein Sohn! Und zwar der erste!” An diesem Ausspruch entzündet sich ein chaotischer Streit zwischen Sohn, Geist und Satan, dem Gott genervt ein Ende bereitet: “Schluss jetzt! Ich würde gerne die Verhandlung fortsetzen. Ich will die Menschen vom Erdboden hinweg vertilgen. Ich halte sie nicht mehr aus!” Der Sohn dagegen widerspricht leidenschaftlich und schwärmt für das menschliche Leben: “Das hat Kraft! Das pulsiert!” Er geht damit auf Distanz zu Gott und Geist - ist mehr Mensch als Gott. Währenddessen organisiert Satan per Handy hemmungslos seine irdischen Untaten. Wutentbrannt demütigt ihn Gott daraufhin, in dem er ihn vor sich auf die Knie zwingt. Die Situation ist Gott dann aber doch eher peinlich. Schnell gewinnt er jedoch seine Fassung wieder und setzt die Verhandlung fort. Satan hat das Wort. Dieser geht jetzt zum Angriff über: “Das Problem, Gott, bist Du! Ohne Dich würde die Menschheit nicht dort stehen, wo sie heute steht. Die von Dir gesetzten Spielregeln sind nicht einhaltbar und widersprüchlich. Selbst der Versuch in Gestalt Deines Sohnes die Menschheit zu erlösen, ist kläglich gescheitert.”

So kristallisiert sich mehr und mehr das göttliche Versagen als Ursache für die Misere heraus. Durch die clevere Argumentation in die Ecke gedrängt, kapituliert Gott schließlich vor Satan: “Es war ein Versuch. Du hast ihn vereitelt. Du bist zu mächtig!” Panisch interveniert der Sohn: “Vater, komm zu Dir! Er hat Dich manipuliert. Es gibt Gerechte auf dieser Welt.” Satan entgegnet zynisch: “Sicher, aber die hätte es auch ohne Deine Religion gegeben.” Jetzt kapituliert auch der Sohn: “Wir haben versagt. Nicht das Ebenbild müssen wir töten, sondern...” In diesem dramatischen Moment der Eskalation erscheint plötzlich die Muttergottes, die zuvor schon in Gestalt hilfebedürftiger Menschen die Männerrunde aufmischte. Im Gremium wird deutliches Unbehagen laut: Wir brauchen sie nicht! Sie soll gehen!” Nur der Sohn heißt sie willkommen und besteht auf ihre Teilnahme. Sie offenbart den weiblichen Anteil der Gottheit: “Ich war lange Zeit neben Dir - und das war schön. Du hast mich trotzdem ausgetilgt, um alleine zu herrschen - Erinnerst Du Dich?” Die dunkle Vergangenheit in Gottvaters Machtstreben wird jetzt deutlich. Er gesteht nach fadenscheinigen Ausflüchten: “Es stimmt. Ich wollte allein die Macht. Ich war eifersüchtig auf Dich, die Mutter.” Der Sohn schöpft durch dieses Geständnis neuen Mut: “Vater, lass uns die Dinge wieder ins rechte Lot rücken. Wir müssen wieder zusammenfinden. Mann, Frau, Kind - die neue alte Dreifaltigkeit.” Doch der Satan droht: “Wenn Du jetzt nachgibst, bist Du tot! Du weißt, was früher war! Die Göttin mit dem Sohn auf dem Schoß!” Der Geist pflichtet vehement bei: “Wir brauchen sie nicht!” Müde und gestresst antwortet Gott nach einer Weile: “Ich habe zwar falsch gehandelt, aber es gibt keinen Weg zurück. Die Menschen sollen sterben! Ich habe sie satt!” Hilferingend fleht der Sohn: “Nein Vater, wir sind doch Schuld! Nicht die Menschen, sondern uns müssen wir töten.!” Gott ist konsterniert, der Satan amüsiert und der Geist irrtiert: “Aber der Mensch braucht doch das Heilige.” Der Sohn entgegnet: “Der Mensch wird auch ohne uns das Heilige besitzen: Kunst, Natur, Musik, Liebe.” Die Verhandlung ist nun völlig aus dem Ruder geraten. Sichtlich genervt und unfähig überhaupt noch eine Entscheidung zu treffen, vertagt Gott die Verhandlung auf morgen. Satan pflichtet sofort bei: “Na, vielleicht hat sich das Problem bis dahin von selbst gelöst. Sie arbeiten ja fleißig an ihrer Selbstvernichtung.” Eilig verlässt er das Gremium. Desorientiert entschwindet auch der Geist: “Mir brummt wirklich der Kopf! Wirklich wahr.” Gottvater fühlt sich alt und verbraucht. Entsprechend müde, gebeugt und demoralisiert verlässt auch er den Raum.

Die Apokalypse wurde vorerst abgewendet. Der Sohn und die Mutter bleiben allein zurück. Und so darf sich die Erde noch ein paar Mal um sich selber drehen. Am tagwerdenden Horizont assoziiert ein vager Hoffnungsschimmer seinen Menschen die vielleicht doch noch letzte Chance?